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Wie sehen die Stoffe der Zukunft aus? 5 Stoffe, die du noch nicht kennst

Dieser Artikel wurde von unserer Gastautorin Constanze Derham verfasst.

Constanze Derham ist die Autorin des “Stoff und Faden” Materiallexikons, einem Buch das in jede Näh-Bibliothek gehört! Du wolltest schon immer mal wissen, wie ein bestimmter Stoff gewebt, gewaschen oder vernäht wird? Welche Stoffe sich für welche Schnitte eignen, uvm? Genau solchen Fragen widmet sich Constanze als Stoff-Expertin u.a. auf dem Elle Puls Blog. Jahr für Jahr werden auf Textilmessen neue Stoffe und Fasern vorgestellt, auf der Suche nach umweltfreundlichere Alternativen für Baumwolle und Chemiefasern auf Erdölbasis. Welche Stoffe du bald in deinem Stoffgeschäft finden könntest, erfährst du hier.

Sojafasern

Aus der eiweißreichen Sojabohne kann man nicht nur Tofu und Sojamilch erzeugen, sondern auch eine sehr weiche, leichte Faser, die als „künstliches Kaschmir“ vermarktet wird und die komplett kompostierbar ist. Da Sojabohnen überall auf der Welt massenhaft angebaut werden – wenn auch in Monokulturen, die gerade in Südamerika zur Abholzung von Urwäldern beitragen – ist der Grundstoff für Sojafasern billig und im Überfluss vorhanden.

Bei der Faserproduktion wird das Eiweiß aus zermahlenen, eingeweichten Sojabohnen in einem mehrstufigen Prozess herausgelöst, ausgefiltert, in eine spinnfähige Lösung verwandelt und zu Fasern versponnen. Diese Sojaproteinfasern ähneln Wolle und Seide, sie sind sehr leicht, nehmen Feuchtigkeit gut auf und knittern kaum. Sojafasern werden daher oft zusammen mit Wolle zu Stoffen verwebt, denn Wollstoffe werden durch den Soja-Zusatz weicher und bekommen einen besseren Fall, außerdem laufen sie weniger ein.

Im Stoffgeschäft ist dir die Sojafaser vielleicht sogar schon begegnet: Das Vlieseline Volumenvlies SojaMix 278 besteht zu 50% aus Sojafasern.

Milchseide

Schon in den 30er Jahren wurde entdeckt, dass der Eiweißbestandteil der Milch, das Casein, zu Fasern verarbeitet werden kann. Das heute angewandte, modernisierte Verfahren der Hannoveraner Firma Qmilk verzichtet auf Chemikalien, verbraucht nur sehr wenig Wasser und erzeugt aus Molkereiabfällen eine feine, seidige Faser, über die sich besonders Allergiker freuen, da sie die Haut nicht reizt und sogar antibakteriell wirkt. Die atmungsaktive und temperaturausgleichende Milchproteinfaser fasst sich an wie Seide, kann aber normal in der Maschine gewaschen werden – theoretisch sogar bei 60 Grad.

Milchseide wird häufig zusammen mit Viskose zu Jersey und Wäschestoffen verarbeitet. Vielleicht hattest du Milchseide sogar schon einmal im Wollgeschäft in der Hand: Viele Firmen bieten mittlerweile Strickgarn aus Milchseide an, denn anders als Seiden- und Baumwollgarn leiert Milchseide nicht aus und für Wollallergiker ist das Garn aus natürlichen Bestandteilen eine gute Alternative zu Wolle.

Bananenfasern

Stoffe aus Fasern der Blattstiele oder der Stämme von Bananenstauden sind im Grunde eine ganz alte Idee: In Japan wurde eine spezielle Sorte, die Faserbanane, schon seit den 13. Jahrhundert kultiviert. Auf den Philippinen produzierte man im 19. Jahrhundert besonders reißfeste und salzwasserresistente Schiffstaue aus Bananenfasern, das Material war daher auch als Manilahanf oder Abacá bekannt.

In den letzten Jahren versuchen gleich mehrere Hersteller, die Bananenfasern im industriellen Maßstab zu nutzen. Eine Schweizer Firma hat mit Bananatex ein Gewebe entwickelt, das es in der Haltbarkeit mit Cordura aufnehmen kann. Mehrere Projektgruppen suchen nach neuen Nutzungsmöglichkeiten abgeernteter Fruchtbananenpflanzen, die normalerweise nur noch als Dünger dienen, weil sie nur einmal Früchte tragen. Auch diese Pflanzen enthalten kurze Fasern, die sich herauslösen lassen, außerdem kann die Zellulose aus den Stämmen zu herkömmlicher Viskose weiterverarbeitet werden.

Wenn dir Bananenfasern im Stoffgeschäft begegnen, dann wahrscheinlich zusammen mit Baumwolle in leinenähnlichen Webstoffen oder – wenn es ein besonders exklusives Stoffgeschäft ist – zusammen mit Seide. Aber möglicherweise stammt bald schon der Grundstoff für Viskose zumindest zum Teil von der Bananenplantage.

Ramie und Brennessel

Die tropische Verwandte der einheimischen Brennnessel kennst du wahrscheinlich schon aus dem Stoffgeschäft: Stoffe aus Ramie haben in Asien eine lange Tradition und kommen als Alternative zu Leinen in der letzten Zeit wieder öfter in die Läden. Aber auch die schnöde Brennnessel, die wir als Unkraut kennen, enthält Fasern, die in Europa seit der Bronzezeit zu Stoffen verarbeitet wurden. Dass einfaches Baumwolltuch heute noch als „Nesselstoff“ bezeichnet wird zeigt, wie verbreitet die Brennnesselfaser bei uns einmal gewesen sein muss, ehe sie von der leichter verspinnbaren Baumwolle verdrängt wurde.

Nesseln und Ramie gelten als Faserlieferanten der Zukunft, denn ihr Anbau verbraucht erheblich weniger Pestizide und Wasser als Baumwolle. Lediglich die Weiterverarbeitung ist komplizierter, weil die Fasern aus den Stängeln herausgelöst werden müssen. Ramie- und Nesselfasern haben einen leichten Glanz und nehmen Feuchtigkeit sehr gut auf. Solo verwebte Ramie wirkt wie edles Leinen, die Faser kann aber auch gut mit Baumwolle oder Viskose gemischt werden.

Mikrobielle Viskose

Nullarbor-Viskose

Das größte Umweltproblem der Viskoseherstellung ist die Gewinnung des Grundstoffs Zellulose: Zwar wird sie aus nachwachsenden Rohstoffen wie Bambus, Eukalyptus- oder Buchenholz gewonnen, aber trotzdem müssen dafür Bäume gefällt werden, die Jahre oder Jahrzehnte zum Nachwachsen brauchen und als Monokulturen zum Teil Umweltschäden verursachen. Das Trennen der Zellulose von den Holzbestandteilen der Stämme benötigt relativ viel Wasser und Chemikalien, die aufgefangen und gereinigt werden müssen.

Die australische Firma Nanollose hat mit Nullarbor™ nun die erste holzfreie Zellulose entwickelt, die von speziellen Bakterien aus organischen Abfällen der Industrie oder der Landwirtschaft erzeugt wird. Die Bakterien fermentieren innerhalb von 18 Tagen eine Lösung aus Kokosnussabfällen zu Zellulose und brauchen dafür nur sehr wenig Wasser und Energie. Die Zellulose kann von Faserherstellern problemlos zu Viskosegarnen weiterverarbeitet werden, genauso wie Zellulose aus anderen Quellen auch. Der zweitgrößte Viskoseproduzent Indiens ging Anfang des Jahres eine Zusammenarbeit mit Nanollose ein – gut möglich also, dass der Grundstoff für die Viskose, die du im Stoffladen findest, bald aus einem Labor stammt und nicht aus einem Wald.

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