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Stoffläden schließen. Was verändert sich in der Nähszene?

In den letzten Monaten haben einige, ich nenne sie mal “Alte Häsinnen” des Stoffhandels, beschlossen, ihr Stoffgeschäft aufzugeben (oder stark zu verändern). 

Mir fallen dazu Dana die Komplizin, Nina von Juni-Design und Mira von Mira Rostock ein. Beim Schreiben fällt mir auf, dass ich sowohl mit Nina als auch mit Dana eine Podcastfolge aufgenommen habe (#64 mit Dana, #41 mit Nina), Und Mira war mal persönlich als Stoffpartnerin bei einem meiner Nähcamps dabei. Ich freue mich sehr, diese Gespräche mit diesen 3 tollen Frauen geführt zu haben. Ich habe bei ihnen über die Jahre mitverfolgt, wie sie ihren Weg gegangen sind, wie sie sich mit ihren kreativen Ideen und deren Umsetzung in der Nähszene abgehoben haben. Toll, was sie jeweils auf die Beine gestellt und wie sie ihre Community begeistert haben. Und toll, dass sie nun an einer Weggabelung stehen/standen und sich bewusst für eine Veränderung entschieden haben.

Wenn bekannte Player in einem Markt mehr oder weniger zeitgleich bekanntgeben, dass sie ihre Tätigkeit in dem Bereich aufgeben, dann kann man schnell den Eindruck erhalten, dass sich etwas Grundlegendes in der Community verändert hat oder verändern wird. 

Ich denke, dass viele Stoffhändler:Innen seit dem ersten Lockdown gute Geschäfte machen und viele Neukund:Innen dazugewinnen konnten. Aber so wie es auch Mira in dieser Podcastfolge mit Johannes von “Entfalte deinen Laden” berichtet, war und ist es auch eine sehr anstrengende Zeit mit Lieferengpässen, kranken Mitarbeiter:Innen und immer mehr Mitbewerbern. 

Meine Beobachtung ist, dass der Markt mit den Jahren immer voller wurde. Immer mehr Schnittanbieter, Stoffläden online und offline, Kurzwaren, etc. Damit steigt natürlich der Druck auf die einzelnen Läden, konkurrenzfähig zu bleiben, etwas Besonderes anzubieten, das sie vom Rest abhebt. 

Sind die Stoffregale übersättigt?

Aus Gesprächen mit Kundinnen aus dem Näh deinen Stil Club, bei Nähcamps und anderen Gelegenheiten, habe ich immer wieder herausgehört, dass sie mehr Stoffe und Schnittmuster besitzen, als sie jemals verarbeiten können. Hunderte oder Tausende E-Books auf der Festplatte. Stoffregale zum Bersten gefüllt. Der Geschmack verändert sich. Man wächst mit den Kindern aus den bunten Musterstoffen heraus. Diese lagern zum Teil immer noch im Regal und man weiß nicht, was man damit machen soll. 

Mit dem Erwachsenwerden des Nähgeschmacks haben auch immer mehr Stoffhänder:Innen sich diesem Trend angepasst, wie z. B. die Komplizin oder Juni-Design. Oder hat sich der Geschmack durch die neue Generation der Shops verändert? Von beidem etwas, vermute ich.

Jedenfalls entwickelte sich eine neue Ästhetik in der Präsentation und Auswahl der Produkte. Der Stoffeinkauf begann mehr dem Einkauf in einer schicken Boutique zu gleichen. Das Nähen wurde stylischer. Die selbst genähte Mode sollte weniger nach handgeklöppeltem Schlafanzug und mehr nach dem neuesten Influencer-Style aussehen, aber eben individueller, weil handmade.

Was geblieben ist, ist die Überproduktion beim Nähen. Täglich neue Angebote, limitierte Auflagen bei Stoffen, Etiketten, Bändern und Co. befeuerten die Kauf- und Nählust. 

Ich merke auch, dass bei einigen unserer Kundinnen eine Übersättigung erreicht ist. Der Trend geht zum bewussteren Konsum. Kleiderschränke, Keller und ganze Wohnungen werden ausgemistet. Es soll eine neue Leichtigkeit einziehen ohne erdrückende Massen von materiellen Dingen. Die Garderobe wird sorgsamer kuratiert und damit einhergehend natürlich auch Stoffe und Schnittmuster.

Wo sind die Grenzen unseres Konsums?

Dass unser Überkonsum nicht ewig so weitergehen kann, haben uns, neben immer krasseren Naturkatastrophen, bereits die Lieferengpässe während Corona aufgezeigt. Durch den Krieg in der Ukraine verschärft sich zusätzlich einiges. Alles wird teurer. 

Der Druck für Geschäfte in der Nähszene wird immer größer. Um am Ball zu bleiben, muss man immer wieder mit neuen Ideen, Stoffen, Schnittmustern und Co. um die Ecke kommen. Und das bei Lieferengpässen, auf die man keinen direkten Einfluss hat. Preiskämpfe werden geführt. Social Media will gefüttert werden und viele weitere Aufgaben stehen an.

Vor ein paar Jahren reichte ein einfaches Foto mit etwas Text darunter bei Instagram aus, um Follower anzuziehen und zu halten. Mittlerweile braucht es zusätzlich Videocontent in Form von Tutorials, Stories, Reels… Und mit jedem Post dreht sich das Karussell – schneller, höher, weiter. So kommt es im Kopf der Geschäftsinhaber:Innen zu “Lieferengpässen”, zu Blockaden. Die Gesundheit leidet. 

In einer 80-Stunden-Woche bleibt der Chefin/dem Chef wenig Zeit, sich in Ruhe zurückzuziehen, um AM Business zu arbeiten anstatt IM Business!

Sich rechtzeitig Systeme und Prozesse aufzubauen, die sie entlasten und den Kopf frei halten, schaffen viele nicht. So weichen die anfängliche Energie und Begeisterung fürs Business einem stressigen Alltag ohne Pausen. 

Natürlich beschäftigen mich diese Themen auch immer wieder. Zwar haben wir keinen Shop mit physischen Waren wie Stoff, Nadeln oder Papierschnittmuster, aber auch bei digitalen Produkten wie Onlinekursen ist der Druck da, immer wieder Neues zu liefern und sich im Markt eine Stellung zu erarbeiten und diese zu behaupten. 

Und nun hören einige auf

Heißt das, dass sie gescheitert sind? In Deutschland wird eine Geschäftsaufgabe noch häufig als Scheitern, als Niederlage betrachtet. Wie schade! Lass uns die Perspektive verändern!

Als ich die Ankündigungen zur Geschäftsaufgabe oder bei Dana zur Veränderung gelesen habe, war ich erst überrascht, aber habe dann als nächstes (ohne natürlich die näheren Umstände zu kennen) gedacht: “Wow, eine klare Entscheidung von diesem Ausmaß zu treffen, zeugt von Stärke!”. 

Ich denke, dass die meisten Selbstständigen und Unternehmer:Innen irgendwann bzw. immer wieder an einen Punkt kommen, an dem sie sich fragen, warum sie das alles auf sich nehmen. Die Verantwortung fürs Team, die Miete, Warenlager und andere Verbindlichkeiten. 

Oft erscheint es dennoch leichter, im selbst gebauten Hamsterrad weiterzumachen, als aufzuhören. 

Ein eigenes Business zu haben, ist immer wieder wie eine Achterbahnfahrt. Sowohl die Emotionen als auch die Einkünfte sind mal himmelhochjauchzend, mal zu Tode betrübt. Ich kenne diese Momente, in denen man alles hinschmeißen will. Und ja, ich habe mir auch zwischendurch mal einen Neuanfang gewünscht. So ist das einfach, wenn man sich für diese Art von “Job” entscheidet. 

Zu lesen, dass andere Unternehmerinnen diese Entscheidung für sich getroffen haben, hat mich mit Bewunderung erfüllt. Diese schwere Entscheidung zu treffen und wie Mira auch offen darüber zu reden, um andere an den Lehren, die sie daraus gezogen hat, teilhaben zu lassen. Respekt!

Ich bin sehr gespannt, ob wir erfahren werden, wie es bei Nina und Mira weitergeht. 

Und nein. Ich möchte nicht morgen meinen “Laden” zumachen. Aber über Veränderungen innerhalb der Elle Puls Welt denke ich immer wieder nach und entwickle mich persönlich wie unternehmerisch gerne weiter, so wie im letzten Jahr mit der Eröffnung der Farb-Fitterie. Und wenn ich mal aufhören sollte, dann wünsche ich mir dafür natürlich eine Kultur, in der das machbar ist, ohne dafür schief angeschaut zu werden. 

Deswegen freue ich mich umso mehr, dass unter den Posts der Powerfrauen Mira, Nina und Dana tolle Kommentare treuer Kund:Innen stehen, die ihr Bedauern über die Veränderung zum Ausdruck bringen und ihnen alles Gute für die Zukunft wünschen. 

Wollen wir nicht alle die Freiheit haben, Entscheidungen zu treffen, einen Lebensabschnitt abzuschließen, ohne dafür verurteilt zu werden? 

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