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Hauptsache „von der Nadel gehüpft“ – Wie Instagram die Altkleiderproduktion befeuert

“Da sind mir eben 3 Ellas von der Nadel gehüpft!”. Kennst du diesen in der Näh-Szene beliebten Begriff? “Von der Nadel gehüpft” steht für leicht und schnell genähte Teile. “Ella” steht hier stellvertretend für diese leicht zu nähenden Schnittmuster, bevorzugt aus Jersey. Denn Jersey verzeiht vieles aufgrund seiner Elastizität. Damit sind diese Näh-Projekte prädestiniert für die Massenproduktion. Da ich hier über das Hobby Nähen schreibe, sind mit Massenproduktion keine Fabriken in Bangladesh gemeint, sondern am häuslichen Nähtisch genähte Kleidungsstücke. Da sich das Nähen gerade sehr großer Beliebtheit erfreut und damit (zu) viele Shirts “von der Nadel hüpfen”, sehe ich das schon als Massenproduktion an, denn das Ergebnis ist ähnlich: Es hängen und liegen zu viele Kleidungsstücke in unseren Schränken, die kaum getragen werden.

Was hat Instagram damit zu tun?

Immer mehr Hobbynäherinnen melden sich bei Instagram an um den Prozess und die Ergebnisse ihres Hobbys zu teilen. Aktuell gibt es 1,2 Mio Beiträge zum Hashtag #nähen. Mit steigender Tendenz. Das ist doch toll! So viele Gleichgesinnte, mit denen wir uns über unser geliebtes Hobby austauschen können. Unbedingt! Ich liebe es!

Ich beobachte allerdings auch, dass das für viele zu viel Inspiration ist und sie sich ein Stück weit selbst verlieren, weil sie ihren Vorbildern zu sehr nacheifern oder vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Das führt dazu, dass Teile genäht werden, die der anderen Frau bei Instagram super stehen. Der ANDEREN Frau wohlgemerkt. Denn du bist nicht die andere Frau, sondern du selbst und ich möchte, dass du DEINEN Stil nähst und nicht den einer anderen Frau.

Die Kunst bei der Inspiration ist, dass du dich selbst gut genug kennst um zu wissen, wo du mitgehen und welchen Trend du auslassen kannst. Und wie du dir etwas Gesehenes zu eigen machen kannst. Dass dies nicht sofort gelingt, weiß ich aus eigener Erfahrung und das sehe ich ja auch bei den Kursteilnehmerinnen meiner “Näh deinen Stil” Kurse.

Wenn du deine Farben, deine Proportionen und damit deine Schnittformen gut kennst, dann hast du eine solide Basis, mit der du Kleidung nähen kannst, an der du lange Freude haben wirst.

Muss täglich etwas “von der Nadel hüpfen”?

Die Likes, die man auf Social Media für ein Foto bekommt, führen zu einer Dopamin-Ausschüttung, die wiederum dazu führt, dass wir uns gut und anerkannt fühlen. Dieses Gefühl wollen wir immer wieder haben. Deswegen können Social Media eben auch süchtig machen. Um immer wieder Likes auf Näh-Fotos zu erhalten, muss natürlich auch genäht werden! Und wie kommen wir schnell zu einem solchen Foto? Indem wir ein schnelles Projekt “von der Nadel hüpfen” lassen.

Bei den Nähcamps höre ich oft, dass die Stoffregale der Teilnehmerinnen sehr voll sind, sie aber dennoch der Verlockung, neue Stoffe zu kaufen, nicht widerstehen können. Nicht umsonst gibt es den Spruch: “Stoffe kaufen und nähen sind zwei verschiedene Hobbies”.

Ein Grund mehr also für Stoffproduzenten und -händler immer neue Designs und Qualitäten auf den Markt zu werfen. Verständlich aus Unternehmersicht. Stoff ist ein Verbrauchsmaterial und mit limitierten Auflagen schüren sie das Kaufverlangen.

Und gleichzeitig entsteht so eine immer größere Belastung für die Umwelt, obwohl wir mit dem Selbernähen doch besser sein wollen als die Fast Fashion Industrie! Aber wer soll die vielen Kleidungsstücke tragen, die in so großen Mengen so schnell produziert werden?

Bei Instagram folge ich Frauen, die fast täglich, aber zumindest mehrmals die Woche neue selbst genähte Kleidungsstücke zeigen. Irgendwann platzt der Schrank und was passiert dann mit den Kleidungsstücken? Im Idealfall werden sie verschenkt oder verkauft in den nächsten (möglicherweise auch schon übervollen) Kleiderschrank.

Ist selbst Genähtes im Altkleidersack besser als Gekauftes?

Gebrauchte Kleidung zu verkaufen kann sehr mühsam sein, wenn man keine Flohmarkt-Biene oder Ebayer ist. Der Weg in den Altkleidersack ist der schnellste und einfachste für Verbraucher. Und da nehme ich mich nicht aus. Auch in unserem Haushalt landen Kleidungsstücke im Altkleidersack. Vorher sind aber die meisten Kindersachen bereits weiter verschenkt und ich stecke auch nur gut erhaltene Sachen rein, damit ein Weiterverkauf für die gemeinnützigen Organisationen oder ein Recycling auch möglich ist. Denn je schlechter die Qualität der Altkleider und je mehr Polyester darin enthalten ist, desto schwieriger bis unmöglich wird das Recycling.

Der Altkleidersack macht keinen Unterschied zwischen Billigware aus Bangladesh und der vom heimischen deutschen Näh-Tisch. Deswegen lohnt es sich auch immer, in hochwertige Stoffe zu investieren. Einerseits für dich selbst, aber andererseits eben auch um einen Weiterverkauf bzw. ein Recycling zu ermöglichen.

“Wenn sich die Zusammensetzung [von Altkleidern] weiter kontinuierlich verschlechtert, wird das mit Sicherheit Auswirkungen auf die Preise haben, weil Recycling kein kostendeckendes Geschäft mehr für die Textil-Recycler ist.” Damit werden die Sachen irgendwann gar nicht mehr recycelt werden. Quelle: MDR

Fazit

Ich möchte dir weder das Nähen noch Instagram madig machen, sondern dich zum Nachdenken anregen. Je besser du deinen Stil kennst und diesen gekonnt umsetzen kannst, desto weniger Ausschuss wirst du beim Nähen und Shoppen haben. Lass dich bei Instagram und Co. inspirieren, aber frage dich immer, ob diese Inspiration zu dir passt oder wie du sie passend für dich machen kannst. Frage dich immer, ob du kaufst, weil du es wirklich brauchst und möchtest oder weil du manipuliert wirst.

Wenn du dich gut kennst und darauf hörst, weißt du auch welche Trends du auslassen solltest

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